5 Fragen an Kerstin Humberg

1. Auf Deiner Website schreibst Du, dass Du mit Yunel menschliches Potenzial für die Gesellschaft entfalten willst. Wie kann so was in Unternehmen gelingen?

Bevor ich etwas zur praktischen Umsetzung sage, lass mich kurz erläutern, was sich hinter Yunel verbirgt. Der Unternehmensname steht für meine beiden Vorbilder: die Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und Nelson Mandela. Yunus ist Begründer der Grameen Bank in Bangladesch. Über seinen Social-Business-Ansatz für einen gerechteren Kapitalismus habe ich vor zehn Jahren meine Doktorarbeit geschrieben. Und Mandela war als erster schwarzer Präsident seines Landes Wegbereiter für den Übergang von der Apartheid zu einem demokratischen Staatswesen. Ich hatte das große Glück, als junge Journalistin beide persönlich kennenlernen zu dürfen. Yunus und Nelson haben mir gezeigt, zu was wir Menschen in der Lage sind, wenn wir eine Vision haben, diese mit viel Engagement verfolgen und dabei auch die nötige Portion Leichtigkeit an den Tag legen. Yunel ist für mich eine ständige Erinnerung an das menschliche Potenzial. Ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass jeder Mensch das Potenzial hat, die Welt nachhaltig zu verbessern. Allerdings müssen wir dazu an der richtigen Stelle wirken können und wissen, was die eigenen Stärken und Werte sind. Das zum inhaltlichen Rahmen. Mit Yunel unterstützen wir Menschen durch maßgeschneiderte Trainings und Workshops dabei, für sich selbst herauszufinden, was sie einzigartig macht, was ihnen Sinn im Leben gibt, und schließlich, wie sich dieser Sinn auch im beruflichen Kontext mit Leben füllen lässt. Die Positive Psychologie als Wissenschaft vom gelingenden Leben und Arbeiten bietet dafür wunderbare Techniken und Tools. So hilft uns beispielsweise die sogenannte „To Be“-Liste, den eigenen Sinn zu erkunden oder das Werte-Ranking zu definieren, was uns wirklich wichtig ist. Sobald wir diese Themen artikulieren können, sind sie uns im Alltag viel bewusster. Damit ist der erste Schritt getan, um auch im beruflichen Alltag stärker im Einklang mit seinen Stärken und Werten zu leben. 

2. Du begeisterst Dich für „Centered Leadership“, ein Ansatz aus der Positiven Psychologie. Wie würdest Du diesen Begriff einer Führungskraft erklären?

Mit einem Augenzwinkern würde ich sagen „Führen mit Rückgrat“. Wenn wir zu dem, was wir tun und was wir für richtig halten, stehen können, zeigen wir Rückgrat. Der Begriff Centered Leadership ist schon gut 15 Jahre alt. Ich selbst bin diesem Begriff das erste Mal in einem Training bei meinem früheren Arbeitgebenden McKinsey begegnet. McKinsey ist auch der Ursprung dieses Ansatzes. Damals hat sich die frühere McKinsey-Direktorin Joanna Barsh gefragt, wie es dazu kommt, dass manche Menschen ihre Talente entdecken, über sich hinauswachsen und außergewöhnliche Leistungen erbringen, wohingegen andere, die vielleicht genauso talentiert sind, ihre Fähigkeiten nicht ansatzweise ausschöpfen können. Dieses Phänomen war damals Ausgangspunkt eines mehrjährigen Forschungsprojekts zu der Frage, was Führungskräfte erfolgreich und glücklich macht. Joanna Barsh war fasziniert von Menschen, die bei dem, was sie tun, ein Funkeln in den Augen haben. Das wollte sie auch! Das Ergebnis der Forschung in Zusammenarbeit mit den damals führenden Vertretenden der Positiven Psychologie ist für mich ein magisches Rezept von fünf Dimensionen an Fähigkeiten, die erlernbar sind:

  1. Meaning – Entwicklung einer persönlichen Vision basierend auf Werten, Stärken und einem Gefühl von Sinn.
  2. Connecting – Aufbau sinnstiftender Gemeinschaften sowie die bewusste Investition in gute Beziehungen als „conditio sine qua non“ für ein zufriedenes und gelingendes Leben.
  3. Energizing –Haushalten mit der eigenen Energie, verstehen, wo sie herkommt, wohin sie geht, und wie wir unsere Batterien schnell wieder aufladen können.
  4. Positive Framing – Die Fähigkeit, schwierige Situationen als Lernerfahrung zu betrachten – nicht zuletzt durch die Veränderung von Einstellungen und Verhalten.
  5. Engaging – Gestaltung des eigenen Lebenswegs. Sich immer wieder vor Augen führen, dass wir auch im beruflichen Kontext Wahlmöglichkeiten haben. Je öfter wir Entscheidungen treffen, die im Einklang sind mit dem, was wir in unserem Leben für wichtig erachten, desto zentrierter können wir arbeiten oder führen.

3. Warum ist Centered Leadership (gerade jetzt) wichtig für Unternehmen und Führungskräfte?

Positive Führung hat in meinen Augen schon immer mit positiver Selbstführung begonnen. Tatsächlich beobachte ich eine stark zunehmende Nachfrage nach diesen Themen. Wir sehen, dass Menschen, die sich selbst gut führen, die ihre Energie aktiv managen und auch mit Rückschlägen gut umgehen können, einfach widerstandsfähiger im Umgang mit Krisen und Rückschlägen sind. Klimawandel, Covid-19, Krieg in Europa – aktuell sind wir mit vielen globalen Herausforderungen und Unwägbarkeiten konfrontiert. Da brauchen Führungskräfte ein starkes Rückgrat, um den Überblick zu behalten und Gelassenheit zu bewahren. Im Grunde mögen wir Menschen keine großen Veränderungen, weil uns jede Anpassungsleistung Energie kostet und wir diese lieber sparen. Die globalen Bedrohungen schüren Angst. Der Panikmodus, der damit oft einhergeht, dieses Gefühl von Überforderung, legt Offenheit, Kreativität und Lösungsorientierung erstmal lahm. Das ist tragisch. Was wir heute dringender brauchen denn je, sind positive Gefühle bzw. das, was die Emotionsforscherin Barbara Fredrickson als „broaden and build“-Phänomen beschreibt. Wir brauchen positive Gefühle wie Inspiration, Freude, Dankbarkeit oder Interesse, um offen zu bleiben für all die Herausforderungen und Veränderungen, die mit der globalen Krisenlage einhergehen. Wir brauchen diese Gefühle, um gut miteinander zu kooperieren, um gemeinsam mehr erreichen zu können. Das menschliche Gehirn ist so programmiert, dass es im positiven Zustand am besten funktioniert.

4. Was sind Deine zwei Lieblings-Life-Hacks, die sich von Führungskräften gut umsetzen lassen?

Die Suche nach Patentrezepten und der Wunsch nach Happiness auf Knopfdruck begegnen mir bei Führungskräften sehr oft. Dabei ist die Antwort eigentlich ganz einfach. Am wichtigsten sind meines Erachtens ausreichend Schlaf, Humor und die nötige Prise Achtsamkeit. Im Schlaf werden unsere Emotionen verarbeitet. Und wer täglich 10 Minuten seine Aufmerksamkeit trainiert, hat damit eine gute Basis gelegt, um emotional widerstandsfähiger zu sein. Ich persönlich bin ein großer Fan der Meditations-App Headspace. Darüber hinaus mag ich ALI, den besten Freund in schwierigen Lebenslagen. ALI steht für Atmen, Lächeln, Innehalten. Die tiefe, bewusste Atmung signalisiert dem Gehirn: alles im grünen Bereich. Keine akute Lebensgefahr! Die Amygdala, das Alarmsystem des menschlichen Gehirns, beruhigt sich. Auch die hochgezogenen Mundwinkel signalisieren: Keine Panik, Du wirst nicht gleich aufgefressen. Das abschließende Innehalten hilft uns, den reflektierten Teil des Gehirns wieder anzuschalten, um wieder klar zu denken: Welche Wahl habe ich jetzt? Wie will ich reagieren?

Der zweite Life Hack bezieht sich auf die Arbeit mit verschiedenen Linsen. Im Centered-Leadership- Ansatz ist von „Positive Framing“ die Rede. Dabei geht es darum, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Mit folgenden drei Linsen arbeite ich gerne: Die umgedrehte Linse regt uns in Konfliktsituationen dazu an, die Position des Gegenübers einzunehmen: Inwieweit mag auch seine bzw. ihre Perspektive richtig sein? Mit der langen Linse betrachte ich ein Thema auf der Zeitachse: „Egal wie verärgert ich gerade bin, inwieweit ist das, was mir gerade passiert ist, in 10 Minuten, 10 Tagen, 10 Wochen oder 10 Monaten wirklich noch ein Drama?“ Mit Hilfe der weiten Linse frage ich mich schließlich: „Unabhängig davon, wie dieser Konflikt oder dieses Problem am Ende ausgeht, was kann ich daraus lernen? Wie kann ich daran wachsen?“

5. Welche Botschaft möchtest Du Führungskräften mit auf den Weg geben?

Versuche, Dich weniger mit anderen zu vergleichen. Was andere können, haben oder tun, ist zweitrangig. Fokussiere Dich stattdessen auf Deine Stärken. Nutze sie für das, was Dir wirklich am Herzen liegt. Solange wir uns darauf konzentrieren, unsere Schwächen auszumerzen, bleiben wir im Mittelmaß. Die Stärkenforschung zeigt: Wer sich auf die Entfaltung seiner Stärken konzentriert, kann wahre Exzellenz erreichen. Die zweite Botschaft: So schwer es uns Menschen auch fallen mag, sollten wir uns doch mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzen. Was wäre, wenn ich morgen erfahren würde, dass ich nur noch drei Monate zu leben hätte? Wo und wie würde ich diese letzten drei Monate verbringen? Mit wem und womit? Die Antworten auf diese Fragen sind mächtig. Vielleicht sind es Dinge, die wir heute schon umsetzen können! Also, worauf warten? Vielen Führungskräften wird durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ende klar, wo die eigenen Prioritäten liegen und wie bedeutsam Beziehungen für sie sind. Auch Beziehungen im beruflichen Kontext. Leben ist jetzt! Also: Nimm Dir Zeit für Menschen, die Dir etwas bedeuten. Sei aufmerksam. Höre zu. Drücke Deine Wertschätzung aus. Positive Beziehungen sind der beste Garant für ein zufriedenes Leben.

Über Kerstin Humberg Dr. Kerstin Humberg ist die Gründerin und Geschäftsführerin von Yunel. Das in Berlin ansässige Unternehmen nutzt Erkenntnisse aus der Glücksforschung, um menschliche Potenziale für die Gesellschaft zu entfalten. Zu Yunels Angeboten gehören neben maßgeschneiderten Workshops und Trainings für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen auch hochwertige, von Künstler:innen gezeichnete „Life Maps“ und „Vision Poster“. 

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